-
Dr. Frank Callies
-
Endokrinologikum
Hannover
-
-
-
1.
Struma mit Euthyreose
-
-
Definition:
-
-
Im alltäglichen
Sprachgebrauch auch „Kropf“ genannt. Es handelt sich
dabei um eine „nicht entzündliche, nicht bösartige
(neoplastische) und nicht mit einer Überfunktion
einhergehende (Euthyreose) Schilddrüsenvergrößerung.
Hauptursache in Deutschland ist der Jodmangel (Jodmangelstruma).
Eine aktuelle, bundesweit durchgeführte Screening-Aktion
mit Schilddrüsen-Ultraschalluntersuchungen, organisiert
durch die Schilddrüseninitiative PAPILLON zeigt bei nahezu
100.000 der 18 -65 jährigen Männern und Frauen, dass
mehr als 30% der untersuchten Personen einen pathologischen
Schilddrüsenbefund wie eine Struma bzw. knotige
Schilddrüsenveränderungen haben. Keine der gescreenten
Personen wusste von seiner Schilddrüsenerkrankung. Die
auffälligen Schilddrüsenbefunde nehmen altersabhängig
zu. Eine Struma und/oder Knoten bei Frauen mit 18 -30 Jahren
werden in 14.7% der Fälle gefunden. Im Alter von 31 - 45
Jahren zeigen sich bereits 33.4% pathologische Befunde und in
der Altersstufe von 46 - 65 Jahren kommt es zu einem
signifikanten Anstieg pathologischer Schilddrüsenbefunde
auf insgesamt 42%. Bei den Männern liegen pathologische
Schilddrüsenbefunde bei 18 – 30 Jährigen bei
14.2%, bei 31 – 35 Jährigen bei 34.7% und im Alter
von 46 - 65 Jahren erfolgt ein Anstieg pathologischer
Schilddrüsenbefunde auf 55.2%.
-
-
Folgen im
Erwachsenenalter:
-
-
Entwicklung einer
Schilddrüsenüberfunktion (Autonomie), Gefahr der
jodinduzierten Schilddrüsenüberfunktion.
-
-
Diagnostik:
-
-
- Patientengespräch
-
- körperliche
Untersuchung
-
- Laboranalyse
-
-
Schilddrüsensonographie
-
- ggf. quantitative
Schilddrüsenszintigraphie.
-
-
Medikamentöse
Therapie:
-
-
Sekundärprophylaxe:
-
Nach Ausschluß
einer Schilddrüsenüberfunktion besteht die
Standardbehandlung aus Jod und Levothyroxin (T4). Diese meist
als Kombinationspräparate erhältlichen Medikamente
wirken synergistisch: Levothyroxin führt zu einer
Rückbildung der Vergrößerung (Hypertrophie) der
Schilddrüse, Jod hemmt die weitere Zellvergrößerung
(Hyperplasie). Grundsätzlich sollte auch die Knotenstruma
(Struma nodosa) konservativ behandelt werden. Bevorzugt wird,
nach Ausschluß einer (kompensierten) Autonomie das
Kombinationspräparat mit variablem Levothyroxin und 150 µg
Jod eingesetzt. Ziel ist also hierbei, das Entstehen weiterer
Knoten zu verhindern und das nicht-knotige Schilddrüsengewebe
zu verkleinern bzw. ein weiteres Wachstum zu verhindern. Eine
laborchemische und sonographische Verlaufskontrolle ist
begleitend durchzuführen.
-
-
Primärprophylaxe:
-
Eine grundsätzliche
Strumaprophylaxe sollte bei Erwachsenen mit 150-200µg
Jod/Tag vorgenommen werden.
-
-
-
2.
Schilddrüsenüberfunktionen (Hyperthyreosen)
-
-
Definition:
-
-
Klinische und
laborchemische Zeichen eines Hypermetabolismus infolge
vermehrter Schilddrüsenhormonwirkung. Diese kann
unterschiedlich zustande kommen. Primäre Hyperthyreose:
Krankheitsursache in der Schilddrüse; Sekundäre
Hyperthyreose: Ursache auf Hypophysenebene, ferner durch exogene
Schilddrüsenhormonzufuhr.
-
-
Einteilung und
Häufigkeiten:
-
-
Hyperthyreose
bei funktioneller Schilddrüsenautonomie (25 - 35 %), oft
duch Jodexzess hervorgerufen
-
-
Autoimmunthyreopathien:
-
Morbus
Basedow 65 - 75 %
-
Hashimoto-Thyreoiditis
mit Hyperthyreose 2 %
-
-
Seltenere
Formen:
-
De
Quervain-Thyreoiditis 1 %
-
Strahlenthyreoiditis
1 %
-
Karzinome
1 %
-
TSH-produzierende
Hypophysenadenome 1 %
-
Paraneoplastische
TSH-Bildung 0,1 %
-
Hyperthyreosis
factitia (durch exogene Schilddrüsenhormongabe) 1 %
-
Schwangerschafts-Hyperthyreose
0,5 - 2,0 %
-
-
-
2.1. Funktionelle
Schilddrüsenautonomie
-
-
Die Jodmangelstruma
zeigt in Abhängigkeit von Strumaalter, -größe
und knotiger Umwandlung eine zunehmende Tendenz zur Entwicklung
einer sogenannten funktionellen Autonomie. Ältere Patienten
mit großer Knotenstruma zeigen in >50% eine
funktionelle Autonomie. Hierbei unterscheidet man eine latente
Überfunktion (TSH-Wert supprimiert, die peripheren
Hormonwerte fT3 und fT4 noch im Normbereich) von klinisch
manifesten Formen (TSH supprimiert, fT3 und fT4 deutlich
erhöht). Zusätzliche Gabe von jodhaltigen Medikamenten
oder Röntgenkontrastmitteln können die Überfunktion
noch zusätzlich verstärken und den Patienten in
Lebensgefahr bringen!
-
-
Symptome:
-
-
Die klinischen
Symptome beider funktionellen Autonomie sind aufgrund der meist
recht langsamen Entwicklung äußerst variabel. Die
Stoffwechsellage ist zu beginn ausgeglichen (euthyreot) und kann
sich später in eine vorlatente, bis zur latenten und
manifesten Hyperthyreose entwickeln. Viele Patienten gewöhnen
sich zudem aufgrund des langsamen Verlaufes an die Symptome.
Auch die Manifestation in Bezug auf das Lebensalter spielt
hinsichtlich der Klinik eine Rolle. In diesem Punkt
unterscheidet sich die Hyperthyreose auf dem Boden einer
funktionellen Autonomie deutlich von der auf dem Boden einer
Autoimmunhyperthyreose. Bei der Immunhyperthyreose (=> Morbus
Basedow) sind die klinischen Symptome zeitlich meist relativ eng
fassbar, während bei der funktionellen Autonomie aufgrund
der langsamen Entwicklung der Beginn der Symptomatik oft nicht
mehr erinnerlich ist.
-
-
Herz-Kreislauf-System:
-
Herzrasen
(Tachykardie), Herzrhythmusstörungen (z.B. Vorhofflimmern),
Kurzatmigkeit, Schwellungen (Ödeme) an den unteren
Extremitäten, Blutdruckanstieg (hoher systolischer,
niedriger diastolischer Wert) mit „Herzpochen“
(Palpitation).
-
-
Magen-Darm-Trakt:
-
unklare
Gewichtsabnahme, Gefühl der „Magenverstimmung“,
Anstieg der benötigten Insulindosis bei Diabetikern.
-
-
Haut:
-
feucht-rötliche
Haut, Schwitzen, Haarausfall.
-
-
Psyche:
-
Unruhe, Reizbarkeit,
Rastlosigkeit, Ungeduld, Schlaflosigkeit, Händezittern
(Tremor) und emotionaler Labilität.
-
-
Muskulatur:
-
Muskelschwäche,
Muskelabbau (Muskelatrophie).
-
-
Skelettsystem:
-
Osteoporose.
-
-
Diagnostik:
-
-
- Patientengespräch,
-
- körperliche
Untersuchung
-
- Laboranalyse
-
-
Schilddrüsensonographie
-
- quantitative
Schildrüsenszintigraphie
-
-
Therapie:
-
-
Bei allen Formen der
Hyperthyreose als Initialtherapie. Sie kann sofort nach
Diagnosesicherung beginnen. Volle Wirkung aber oft erst nach 2-6
Wochen. Eine Schilddrüsenoperation ist indiziert bei
hyperthyreoter Knotenstruma, großen autonomen Knoten
(=heiße Knoten), Raumforderung durch die Struma, v.a.
Bösartigkeit (Malignität). Eine Radiojodtherapie bei
allen Hyperthyreoseformen mit kleiner Struma, wenn ein rascher
Erfolg angestrebt wird (z.B. Nebenwirkungen bei der
medikamentösen Therapie, schwerwiegender Krankheitsverlauf,
Begleiterkrankungen).
-
-
-
2.2.
Autoimmunthyreopathien
-
-
Definition:
-
-
Morbus Basedow ist
eine Autoimmunerkrankung mit folgenden möglichen
Manifestationen, die einzeln oder zusammen, gleichzeitig oder
zeitlich versetzt auftreten können: Hyperthyreose,
endokrine Orbitopathie. Ursachen sind genetische Prädisposition,
selektive Immunreaktion gegen Schilddrüse/ Orbitagewebe,
Bildung von Antikörpern gegen den sogenannten TSH-Rezeptor,
welcher durch Stimulation zu unkontrollierter Hormonbildung
/-freisetzung führt.
-
-
Symptome:
-
-
siehe „2.1.
Funktionelle Schilddrüsenautonomie“.
-
Zusätzliche
Symptome (nicht obligat): Augensymptome („hervorstehende
Augäpfel“, zusammen mit Lidschwellung und
Augenmuskellähmungen als sog. „Endokrine
Orbitopathie“ bekannt), meist in 50% der Fälle
vorhanden. Tritt oft gleichzeitig oder kurz nach der
Manifestation auf, manchmal aber auch schon vorher. Schwellung
über dem Schienbein (prätibiales Ödem).
Trommelschlegelfinger (Akropachie).
-
-
Diagnostik:
-
-
siehe „2.1.
Funktionelle Schilddrüsenautonomie“. In der
Laboranalyse sind die Erhöhung der sogenannten
Schilddrüsenantikörper (TPO-Antikörper,
TRAK-Antikörper) häufig wegweisend.
-
-
Therapie:
-
-
Es stehen drei
Verfahren zur Verfügung: medikamentöse Therapie,
Radiojodtherapie, chirurgische Therapie. Alle drei
Behandlungsmethoden sind letztendlich symptomatisch, da sie den
ursächlichen Immunprozess nicht beseitigen. Sie erreichen
verschieden schnell das Ziel einer Euthyreose. Die Dauer der
medikamentösen Therapie dauert üblicherweise ein Jahr.
Im Gegensatz zu anderen Ländern, insbesondere den USA, wird
in Deutschland die Immunhyperthyreose traditionell mit
Medikamenten behandelt. Dabei wird ein Niedrig-Dosis-Konzept
verfolgt. Unter der rein medikamentösen Therapie lässt
sich in 40% der Fälle eine Remission erreicht. Aufgrund der
häufig gleichzeitig bestehenden Endokrinen Orbitopathie ist
häufig eine zusätzliche Betreuung durch einen
Augenarzt erforderlich.
-
-
-
3.
Schilddrüsenunterfunktionen (Hypothyreosen)
-
-
Definition:
-
-
Mangelnde Versorgung
der Körperzellen mit Schilddrüsenhormonen, in der
Mehrzahl der Fälle fehlende oder unzureichende Produktion
der Schilddrüsenhormone: primäre Hypothyreose. Bei
Störungen auf Hirnanhangsdrüsen/Hypothalamusebene:
sekundäre Hypothyreose. Auch hier gibt es fließende
Übergänge von der prälatenten über die
latente zur manifesten Form. Das hypothyreote Koma ist eine
extrem seltene Erkrankung, die bei lange bestehender,
unbehandelter Hypothyreose, bei der zusätzlich noch weitere
Erkrankungen hinzukommen, auftreten kann. Ursache der
Hypothyreose ist- abgesehen von der angeborenen Form- mit
Abstand am häufigsten die Autoimmunthyreoiditis vom Typ
Hashimoto. Danach folgen Ursachen wie fehlende/unzureichende
Hormonersatztherapie nach Schilddrüsenoperation/Radiojodtherapie
oder falsch dosierte/nicht kontrollierte medikamentöse
Behandlung einer Hyperthyreose.
-
-
Symptome:
-
-
Aufgrund des
schleichenden Verlaufes entwickeln sich die Symptome der
Hypothyreose meist sehr langsam und für die Betroffenen
anfangs kaum wahrnehmbar. Die Ausprägung der klinischen
Befunde ist auch abhängig vom Lebensalter und von möglichen
Begleiterkrankungen. Da es das typische klinische
Erstmanifestationszeichen nicht gibt, ist es wichtig, bei
entsprechenden Hinweiszeichen an die Möglichkeit einer
beginnenden Unterfunktion zu denken und durch eine entsprechende
Laboranalyse zu verifizieren oder auszuschließen.
-
-
Herz-Kreislauf-System:
-
verlangsamter
Herzschlag (Bradykardie), niedriger Blutdruck, aber auch
paradoxer Blutdruckanstieg, Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
, selten Herzbeutelwasser (Perikarderguss).
-
-
Magen-Darm-Trakt:
-
Obstipation,
Appetitlosigkeit.
-
-
Haut:
-
kühl,
gelblich-blasse Haut, Wassereinlagerungen, Augenlidschwellungen,
trockene und stumpfe Haare, Haarausfall, brüchige
Fingernägel.
-
-
Psyche:
-
Müdigkeit,
Abgeschlagenheit, Leistungsabfall, Antriebsarmut,
Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung, Anzeichen
von Demenz, Schwerhörigkeit.
-
-
Muskulatur:
-
Muskelschwäche,
Muskelabbau (Muskelatrophie).
-
-
Skelettsystem:
-
Osteoporose.
-
-
Sexualorgane:
-
Zyklusstörungen,
unerfüllter Kinderwunsch (Infertilität),
Libidoverlust, Impotenz beim Mann.
-
-
Diagnostik:
-
-
- Patientengespräch
-
- körperliche
Untersuchung
-
- Laboranalyse
-
-
Schilddrüsensonographie
-
-
Therapie:
-
-
Meist ist die
Substitutionstherapie mit Hormonen lebenslang ohne Unterbrechung
durchzuführen. Die Hormonersatztherapie erfolgt mit
künstlich erzeugtem (synthetischem) Schilddrüsenhormon.
Ziel ist der bedarfsgerechte Ausgleich. Reines Levothyroxin wird
bevorzugt. Levothyroxin (=T4) wird im Organismus bedarfsgerecht
zu T3 konvertiert. Dieser Vorgang findet kontinuierlich statt,
so dass bei einer täglichen Einzeldosis von T4 konstante
T3-Konzentrationen im Serum erreicht werden. Die Rückbildung
der Symptomatik und die Normalisierung der
Schilddrüsenhormonparameter erfolgt meistens parallel. Die
Dosierung sollte nicht nach einem starren Schema bis zu einer
Enddosis durchgeführt werden, sondern es ist wichtig, das
klinische Erscheinungsbild und die Tolerierung der Dosierung mit
zu berücksichtigen. Nur so wird eine individuelle, optimale
Situation erreicht.
-
|